Autor: Rolf Heinzmann

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Wie Mythen der traumafokussierten Psychotherapie eine adäquate Versorgung erschweren. P. Herzog. T. Kaiser, A. de Jongh. In Psychotherapeuten Journal 1/2023.

Stabilisierungsphase auf dem Pr√ľfstand

Die Autoren des oben genannten Artikels beschreiben die aktuelle Situation in der traumafokussierten Psychotherapie-Szene aus der Sicht der Kognitiven Verhaltenstherapie. Der Artikel enth√§lt auch f√ľr GestalttherapeutInnen einige interessante Aspekte.

Kernaussagen des Artikels
1.) Psychotherapie ist ein hochwirksames Verfahren in der Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).
2.) Am besten erforscht sind u.a. die prolongierte Expositionstherapie, die kognitive Verarbeitungstherapie, die narrative Expositionstherapie und EMDR.
3.) Vor diesem Hintergrund erstaunt, dass in weniger als 50 % der Behandlungsfälle traumafokussierte Verfahren angewandt werden.

Grund daf√ľr sehen die Autoren auch darin, dass viele Mythen √ľber Psychotherapie der PTBS immerzu herrschen:

Mythos 1) Traumafokussierte Behandlungen sind nicht f√ľr komplexe und mehrfache Traumata geeignet. Diese Aussage stehe in Kontrast zu empirischen Befunden.
Mythos 2) Vor einer traumafokussierten Behandlung ist eine Stabilisierung notwendig. Auch diese Aussage stehe in Kontrast zu empirischen Befunden. Die Autoren betonen, dass durch die der Exposition vorgeschalteten Stabilisierungsphasen oft Monate vergehen, bis das eigentliche Problem behandelt werde – und das, ohne erkennbaren Nutzen.
Mythos 3) Expositionsbasierte Behandlungen sind potenziell ‚Äěretraumatisierend‚Äú. Teil dieses Mythos sei es, dass das Sprechen √ľber Traumaerinnerungen retraumatisierend sei, vor allem wenn keine Stabilisierung durchgef√ľhrt worden sei. Auch hierf√ľr gebe es keine empirischen Belege, vielmehr sei davon auszugehen, dass die Basis dieser Behauptung anekdotisch sei. (Damit ist so etwas wie ‚Äěvom H√∂rensagen‚Äú gemeint).

Diskussion
Gestalttherapie arbeitet nicht mit st√∂rungsspezifischen Diagnose- und Therapiemanualen bzw. Interventionsschemata. Der Satz von Fritz Perls ist immer noch g√ľltig: ‚ÄěVer√§nderung ist ein Lernprozess und lernen hei√üt, dass etwas anderes m√∂glich ist‚Äú. Der Fokus der Arbeit liegt in der Entwicklung von etwas ‚ÄěAnderem‚Äú, der Klient wird angeregt, seine Ressourcen und Potenziale weiter zu entwickeln. Damit w√ľrden auch l√§stige Symptome und andere Defizite (wie z.B. die der PTBS) verschwinden oder schw√§cher werden.

In defizitorientierten Therapieverfahren wird diese Kausalität umgekehrt gesehen: Erst nach einer erfolgreichen Defizitbearbeitung ist Potenzialentwicklung möglich. Der Wahrheit letzter Schluss ist, dass keine der Reihenfolgen die richtigere ist, sondern eine zirkuläre Kausalität besteht: Potenzialentwicklung bewirkt Defizitbeseitigung und Defizitbeseitigung bewirkt Potenzialentwicklung.

JedeR GestalttherapeutIn wird sich gerade bei KlientInnen, die eine Behandlung ihrer PTBS w√ľnschen, fragen, ob sein/ihr gestalttherapeutisches Handwerkszeug gen√ľge oder er/sie sich nicht besser doch noch einer traumfokussierten Weiterbildung unterziehen soll. Die M√∂glichkeiten dazu sind zahlreich.

Es soll hier nicht von traumfokussierten Zusatzausbildungen abgeraten oder sie als √ľberfl√ľssig hingestellt werden. Wer sich einer solchen Zusatzausbildung unterzieht, wird sicherlich auch davon profitieren. Es ist eine Binsenweisheit, dass Erfahrung eine gro√üe Rolle f√ľr die Kompetenz von PsychotherapeutInnen spielt. Z.B. Lebenserfahrung, aber auch Felderfahrung und Fortbildungserfahrung. Wer noch nie mit kriegstraumatisierten Menschen gearbeitet hat, wird sich schwer tun, und es braucht auch seine Zeit, bis man zur ad√§quaten Empathie f√§hig ist. Blo√üe S√§tze wie ‚Äěich verstehe Sie‚Äú machen noch keine Empathie. Felderfahrung kann man in feldspezifischen Fortbildungen erlangen, die auch in der Form von Beistand und Einarbeitung erfahrener KollegInnen und SupervisorInnen erfolgen kann.

Vielleicht lesen Sie aber einfach erst einmal im Text weiter, der Sie in ihrer Entscheidungsfindung muntersch√ľtzen k√∂nnte, falls Sie sich eigentlich jetzt gleich f√ľr eine traumfokussierten Weiterbildung anmelden wollten.

Die prolongierte Expositionstherapie wurde als Unterform der Verhaltenstherapie und kognitiven Verhaltenstherapie entwickelt, um die PTBS zu behandeln. Sie besteht im Wesentlichen aus drei Komponenten (siehe dazu auch den Artikel in wikipedia):

  • ‚ÄěIn Vivo‚Äú-Exposition, d.¬†h. wiederholte Konfrontation mit Situationen, Aktivit√§ten, Orten, die aufgrund von traumatischen Erinnerungen vermieden werden. Diese Begegnungen reduzieren traumabezogene √Ąngste und bef√§higen den Patienten zu realisieren, dass vermiedene Situationen nicht gef√§hrlich sind und er mit dem Leid umgehen kann.
  • Imaginative Exposition, d.¬†h. das wiederholte Wiederbesuchen, Wiedererz√§hlen und Verarbeiten des traumatischen Erlebnisses. Die imaginative Exposition f√∂rdert die Verarbeitung der Traumaerinnerung und hilft eine realistische Perspektive auf das Trauma zu erlangen.
  • Kognitive Verarbeitung der Traumaerinnerung

Alle diese drei Komponenten sind GestalttherapeutInnen vertraut, sie arbeiten tagt√§glich damit. So gesehen ist Gestalttherapie eine Expositionstherapie. Siehe dazu auch den Artikel von Delphine Akoun in der GestaltZeitung 2023, ‚ÄěOrtstermine‚Äú, wo Situationen beschrieben werden, in denen der Therapieort nach au√üen verlagert wird, oder der/die KlientIn etwas von au√üerhalb mit in die Therapie bringt. Zum Beispiel ein Musikinstrument, wenn ein ‚ÄěMusiziertrauma‚Äú besteht.

So gesehen m√ľssten GestalttherapeutInnen nicht zwingend eine traumfokussierte Zusatzausbildung absolvieren, denn die Elemente der prolongierten Expositionstherapie kennen sie schon in den Grundz√ľgen und k√∂nnen sie auch anwenden.

Persönliche Mitteilung
Den aus dem Psychotherapeuten Journal zitierten Artikel habe ich mit großer Zufriedenheit und Erleichterung zur Kenntnis genommen. Seit ich psychotherapeutisch denken kann, war ich skeptisch bzgl. den Konzepten der Stabilisierung und Retraumatisierung. Ich finde, dass mit  langen Stabilisierungsphasen nicht nur unnötig Zeit vergeudet, sondern den KlientInnen auch geschadet wird, weil sie in der Regression und einer Problemtrance festgehalten werden, aus lauteren und unlauteren Motiven.

Ich hatte mich bisher allerdings mit meiner Skepsis nicht weit aus dem Fenster getraut, um ja nicht f√ľr einen Retraumatisierer gehalten zu werden. So gesehen hoffe ich, dass diese Ergebnisse uns GestalttherapeutInnen ermutigen, auch bei dem Thema PTBS unseren eigenen gestalttherapeutischen Ressourcen zu vertrauen.

Einen kleinen Einwand muss ich allerdings auch noch einbringen. So gut mir diese Ergebnisse gefallen, so fehlt mir doch der √úberblick √ľber die gesamte Literatur dazu. M√∂glicherweise wird es ernstzunehmende Gegenargumente zu dem zitierten Artikel geben. Sollte das der Fall sein, wird es auch dazu einen blog geben. Au√üerdem laden wir alle Leser ein, selbst Kommentare zum blog einzusenden, die wir dann in dieser Rubrik ver√∂ffentlich w√ľrden.

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    Anmeldung
    Fr√ľhlingsintensiv, 8. – 15. April 2023

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