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Brief #1

  #1 
Mai ‘24

Liebe Rosa, lieber Milan*,

jetzt kommt er, mein erster Brief an euch! Ich habe noch nie einfach so Kolleg*innen über meine Arbeit geschrieben. Ich finde es toll, dass wir diesen Briefwechsel beginnen. Bin gespannt auf seine Wirkung, bei uns dreien! Ich habe jedenfalls richtig Lust dazu, euch zu erzählen, was sich alles so tut, bei mir in der Praxis, und bald auch von euch zu hören.

Der Austausch darüber vermisse ich nämlich, merke ich zunehmend. Unsere Arbeit ist ja ein ständiges work in progress –  vielleicht ist es daher etwas schwierig eine gute Form des Austausches darüber zu finden. Keine Ahnung – ich erzähle einfach!

Ende letzten Jahres ertappte ich mich immer wieder bei dem Gedanken, irgendwie zuviel zu arbeiten. Mir fehlten zunehmend Zeiten der Muße, in der ich einfach meinen Ideen, Gefühlen, Gedanken in Ruhe nachhängen konnte.

In der Zeit – wahrscheinlich kein Zufall – fragte ich mich immer mal wieder, wie ich als Einzeltherapeutin vielleicht mit dazu beitrage, den Veränderungsprozess und -wunsch meiner Klient*innen aufzuhalten.

Mittlerweile ist es mir erfreulicherweise klar, dass ich diese Frage gar nicht wirklich beantworten kann, und dass sie eigentlich vor allem dazu da ist, mich in kreative Unruhe zu versetzen und meine Arbeit als Einzeltherapeutin immer wieder in Frage zu stellen.

Und so kam es, dass ich nach und nach mit  allen meinen langjährigen Klient*innen das Dilemma besprach, in dem wir jeweils aus meiner Sicht immer wieder drohten unbemerkt stecken zu bleiben:

Sie und ich, als langjähriges Team, wollten einerseits Veränderungen bewirken, taten dies aber in einem immer gleichen Setting. Bei allen Vorteilen dieses über Jahre eingespielten Settings stehe es vielleicht gleichsam, bei aller Kreativität und Wille zur Veränderung auf beiden Seiten, der gewünschten Veränderung im Weg… Allen leuchtete das beschriebene Dilemma ein. Es konnte daher wahrscheinlich nicht schaden, erst einmal das Setting zu verändern! Und so unterbreitete ich ihnen einen Vorschlag:

Ich lud sie nach und nach alle ein, zu mir für eine längere Zeit in eine neu zu bildende Gruppe statt in Einzeltherapie zu kommen. So leite ich seit Anfang dieses Jahres eine neue Selbsterfahrungsgruppe! Sie setzt sich aus (ehemaligen) Einzelklient*innen zusammen (mit einer Ausnahme) und macht richtig Spaß!

Zum einen werden mir nach einem knappen halben Jahr im Rückblick einige Prämissen des Einzelsettings durch die Arbeit in der Gruppe immer klarer. Ich versuche mal zu erläutern, was ich damit meine:

Wenn alles gut geht, so lädt das Einzelsetting ja ein, sich aufeinander einzutunen. Gelingt es, so entsteht dadurch viel Raum für neue mögliche Erfahrungen. Sicherheit, Vertrauen und Wärme in Beziehungen sind natürlich gute und häufig notwendige Ingredienzen, um Neues zu wagen oder in Gang zu setzen – so auch im Einzeltherapiesetting. Alle diese Vorteile einer guten komplementären Beziehung können aber auch unmerklich dazu führen, dass Klient*in und Therapeut*in in eine beidseitige Konfluenz geraten, die ein differenziertes Betrachten des Gegenübers und der Themen erschwert.  Die Tatsache, dass das Einzelsetting immer nur ein minimaler Ausschnitt aus dem Leben der Klient*in darstellt, kann diese Tendenz verstärken. Und, wenn die These von Satir auch noch stimmt – die Zweierbeziehung sei die gefährlichste Beziehungsform, gerade weil sie einseitig kündbar sei und damit an einer einzigen Person hänge -, dann müssten wir uns eigentlich nicht wundern und auch nicht nur mit einer individuellen Neigung unserer KlientInnen erklären, dass sie oft scheinen, es uns besonders leicht zu machen und … wir es ihnen! J Als Einzeltherapeut*innen befinden wir uns gleichsam in einer – wie auch immer jeweils anders und neu gearteten – Zweierbeziehung mit unseren jeweiligen Klient*innen. Ich habe mir dabei bisher nicht bewusst gemacht, dass sie an sich ein Rahmen sein kann, der als solcher besondere Vorsichtsmaßnahmen braucht und zwar vor allem von der Person, die diese Beziehung aufsucht. Vielleicht führt dieser Umstand – jenseits von konfluenten Mustern – mit dazu, dass KlientInnen sich leicht an uns anpassen und wir an sie?

Wenn ich mir das alles bedenke, dann wird mir gleichsam umso bewusster, wie sehr es eine unserer Hauptaufgabe als Einzeltherapeut*innen wohl ist, immer wieder für Verstörung dieses eingespielten Settings zu sorgen. Supervision kann sicher dabei auch hilfreich sein, vor allem als Live-Supervision. Aber wer begibt sich von uns schon in Live-Supervision? Die normale Supervision ist keine Supervision einer Therapiesitzung, sondern die Supervision einer Erzählung einer Therapiesitzung, wobei wir dann auch nur erzählen, was uns beschäftigt – oder das, womit wir uns am besten mit unserer Supervisor*innen eintunen? Wer weiß es schon?! Den Gedanken habe ich übrigens von Jay Halay – kennt ihr ihn? Ein wunderbarer, leider nur noch zu lesender Therapeut – kann ich euch nur empfehlen, falls ihr ihn noch nicht kennt!

Unverhofftes bewirkt erwiesenermaßen vielleicht die meiste Veränderung in Einzeltherapie und Unverhofftes geschieht immer mal wieder: Ich, als Therapeutin komme zu spät oder oder … Doch das entfaltet seine fruchtbare Wirkung, gerade dadurch, dass das selten geschieht. Auf Unverhofftes können wir also weder hoffen noch bauen!

Zum anderen bringt mich die Arbeit mit dieser Gruppe dazu, Gruppen- und Einzelsetting zu vergleichen. Und dies nicht zuletzt, weil ich meine bisherigen Einzelklient*innen in der Gruppe ganz anders als im Einzelsetting erlebe. Es ist ja klar, werdet ihr sagen! Sie interagieren mit anderen Menschen und so nehme ich sie anders wahr, als wenn sie alleine mit mir in einem Raum sind. Klar! Und: sie verhalten sich allerdings ganz anders, als ich vermutet hatte, dass sie es in einem Gruppenkontext tun würden. Das ist frappierend und etwas verstörend für mich, denn ich meinte, sie so gut zu kennen. Wie kann ich sie so anders eingeschätzt haben? Mir fällt bisher nichts anderes ein, als diesen Umstand mit der Begrenztheit der  Zweierbeziehung, die das Einzelsetting darstellt, zunächst zu erklären.

Eine Gruppe ist wiederum wohl ein Setting, das auf eine bestimmte Art mehr soziale Sicherheit bereithält, als eine Zweierbeziehung – zumindest nach Satir. Keins der Mitglieder kann an sich das Bestehen der Gruppe unmittelbar gefährden (was vielleicht auf der anderen Seite das Kündigen der Gruppenzugehörigkeit auch schwierig machen kann).

Ich weiß nicht genau wieso, aber es scheint mir hilfreich im Moment, diesen Gedanken nicht aus den Augen zu verlieren.

Er passt auch zu meinem Erleben meiner Einzelklient*innen in der Gruppe:

Sie haben sich überraschend schnell als Gruppe formiert, sich gegenseitig vertraut, ihre Verletzlichkeit gegenseitig gezeigt und sich bei aller ungeordneten Empfindungen den Anderen hingegeben.

Sie lassen sich alle ungewöhnlich offen auf den Gruppenprozess ein, empfinden die Gemeinschaft als wohltuend und tragend und erkundigen sich um einander, wenn jemand fehlt. Sie begeben sich ins Unbekannte und schonen sich nicht, lachen auch gerne miteinander.

Die Gruppe scheint für sie zu einem Vertrauensraum geworden, in dem sie sich zugehörig fühlen, was allein sie bewegt, für sich einzustehen und für andere da zu sein.

Der einzige gemeinsame Nenner aller Teilnehmer*innen ist, dass ich deren Einzeltherapeutin war. Inwiefern dieser Umstand das Vertrauen untereinander stärkt, ist unklar, auch wenn es nahe zu liegen scheint. Man könnte sagen: Alle kennen mich sehr gut. Ich, als Leiterin der Gruppe, habe zu jedem Gruppenmitglied eine sichere langjährige Bindung, die vor der Gruppe entstanden ist. Auch wenn ich sicher für sie als Gruppenleiterin ebenso überraschend bin, wie sie für mich, spielen die einzelnen Bindungen wahrscheinlich eine  Rolle, bei der Bereitschaft sich in der Gruppe einzulassen. Ob es so ist, kann ich aber nicht definitiv sagen.

Fakt ist allerdings, dass ich als Leiterin bei den Gruppensitzungen gefühlt für alle ziemlich unwichtig bin. Sie beziehen sich im Laufe des Abends wenig auf mich, achten meiner Wahrnehmung nach wenig auf meine Reaktionen – die Mitstreiter*innen scheinen wichtig, wirklich im Fokus der Einzelnen, nicht die Leitung.

Das hat mich sehr erleichtert, dies festzustellen, denn ich hatte erwartet, dass zuerst das Weiterbestehen der Einzelbeziehungen geprüft wird, nach dem Motto: “Mag sie mich wirklich so, wie sie immer getan hat, oder mag sie jemanden anders lieber?“

Meine Sorge also, es könnte sein, dass Einzelne sich benachteiligt fühlen, wenn sie mich nach vielen Jahren „Einzelkindstatus“ mit bisher anderen ungeahnten „Geschwistern“ teilen müssen, scheint bisher völlig unbegründet.

Vielleicht ist es so einfach: Wenn Menschen sich zwischen Einzelkind- oder Geschwisterstatus entscheiden können, so wählen sie ohne zu zögern das zweite! Eltern für sich alleine zu haben ist vielleicht nicht so attraktiv, wie sie mit vielen Geschwistern teilen zu können. Wenn man nur Einzelkind sein kann, genießt man notgedrungen die Vorteile davon! Wenn sich besseres und Sichereres anbietet, verlieren diese Vorteile blitzartig offenbar an Attraktivität!

Wo ich das so selbstverständlich schreibe, fällt mir plötzlich was auf: Genauer betrachtet fühle ich mich in der Leitung dieser Gruppe weniger als „Mama der Nation“ als im besten Sinne Animateurin. Vielleicht ist diese „Eltern-Kind“-Metapher, die wir in der Psychotherapie gerne und manchmal passend bemühen, in dem Fall unpassend. Vielleicht fördert der Wechsel von Einzeltherapie zu Selbsterfahrungsgruppe die erwachsene Seite der KlientInnen, die sich grundsätzlich sicherer in der Gruppe fühlen, und daher nicht mehr das kindliche den Vorrang geben müssen, jedenfalls nicht in Beziehung zur Leitung.

Ihr merkt, eine Hypothese jagt die andere!

Und ansonsten? Mehrere der Teilnehmer*innen meiner Gruppe kommen erklärtermaßen auch mit Gruppenangst in die Gruppe und doch sind sie bei fast jeder Sitzung dabei. Sie haben es da deshalb nicht leicht, wollen die Gruppe aber nicht missen und fühlen sich bisher zum Ende jedes Abends besser, als sie gekommen sind. An der Struktur „Gruppe“ scheint es also nicht zu liegen, dass Menschen eine Abneigung zu Gruppen haben. Sie scheinen sich sogar dort leichter und schneller mit sich konfrontieren zu können als in einer vermeintlichen sichereren Einzeltherapie. Manches habe ich in der Gruppe über Einzelne erfahren, das in mehreren Jahren Einzeltherapie nicht zur Sprache kam.

Für die erklärte Angst vor Gruppen könnte ich viele hypothetischen Gründe anführen. Woher sie kommt, interessiert mich aber momentan nicht besonders. Was mich dabei besonders beschäftigt, ist die Diskrepanz zwischen dem offensichtlichen und erklärten Wohlgefühl, das es auslöst, Gruppenmitglied zu sein und die aber damit einhergehende Erklärung der offenbar dazugehörigen Angst vor der Gruppe – als wäre die Erklärung des bisher Bekannten (Angst) Sicherheit für das neue (Wohlgefühl in der Gruppe) notwendig!  Dem werde ich nachgehen…

 

So, jetzt höre ich aber mal auf für heute! All diese Gedanken sind für mich ziemlich neu, daher allesamt Arbeitshypothesen bisher.  Mal sehen, wie sie sich weiterentwickeln. Ich freue mich erstmal auf eure Erzählungen und auf eure Rückmeldungen natürlich auch!

 

Bis bald, herzlich,

Delphine

 

 

 

 

*Hier findet ihr den ersten Brief eines Briefwechsels zwischen mir und meinen beiden Kolleg*innen, deren Namen hier geändert sind. Wir drei starten ein Experiment, das wir hier zur Anregung veröffentlichen. Wer von euch Lust hat, kann mir auch antworten – auch gerne als Rosa oder Milan! J

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